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Projekt zur nachhaltigen Entwicklung Guinea


 Auf dieser Seite finden Sie informative Berichte, berührende Geschichten sowie Daten und Fakten zur Kultur Guineas.



Bitte downloaden Sie sich diesen informativen und bebilderten Bericht über Hoffnung und Verzweiflung in Guinea

 

Guinea zwischen Hoffnung und Verzweifelung
Guinea zwischen Hoffnung und Verzweiflung.pdf (1.01MB)
Guinea zwischen Hoffnung und Verzweifelung
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Diese Geschichte verdeutlicht einersteits die Herausforderungen, denen die Helfer gegenüberstehen und gibt andererseits Kraft und Mut an Visionen festzuhalten.


"Diese Geschichte hat mich zu Beginn meiner Arbeit für The Bridge tief berührt, und bis heute macht sie mir Mut und motiviert mich in schwierigen Situationen." (Anmerkung von Kathrin Rottmann)


Der Bettler, der mir half

Guinea, Conakry, Regenzeit, Juli:
Feuchtigkeit, Schwüle, Wärme. Jeder Atemzug ist erfüllt von ihnen. Im Juli fällt der Regen nicht, er stürzt herab. Mächtig und langsam taucht er auf, in der dunklen Ferne der Wolken und kommt näher. Wie eine Meereswelle, eine mächtige Wand, geschoben von der Kraft des Allmächtigen. Mein Blick zum Himmel gewahrt die Dualität des Wetters: Links, das tiefe frische Blau des Friedens, ein paar weiße Wolken, warme Sonnenstrahlen, Palmen, die hin und her tanzen, wamba, wamba. Rechts, dicke dunkle geballte graue Wolken, darunter das aufgewühlte Meer und dazwischen Nebel aus Massen von herannahenden Regentropfen. Es ist nur eine Frage von Minuten bis der Regen alles einhüllt und mit Macht durch meine Kleider bis auf meine Haut dringen wird. Ich schaue mich um. Alles, was Beine, Flügel oder Räder hat, rennt, hüpft, fliegt, rollt, rast in Sicherheit. Alles?  Nein, nicht alles. Ich und ein paar ebenso Verrückte, mit festem, sturem Blick, als könnten sie mit ihm den Regen aufhalten, hatten im Hafen von Conakry etwas zu regeln: Container aus dem Zoll bekommen. Das mag sich zunächst trivial anhören, lächerlich nahezu. Aber lasst Euch sagen, liebe Freunde, in der Tat wäre es selbst für den berühmten Herkules die eine Aufgabe gewesen, an der er sich die unbesiegbar starken Zähne ausgebissen hätte. Denn ich versuchte es ohne Bestechungsgeld, ohne meine Seele zu verkaufen. Es war mein einundzwanzigster Versuch, den Container mit Hilfsgütern aus den Fängen des Zolls von Conakry zu befreien, die wie das Gebiss eines Hais funktionierten: alles, was sich ahnungslos in ihre Nähe wagt, wird gepackt und bewegt sich nur noch in Richtung Schlund. Es sei denn, es passiert ein Wunder und daran glaubt nur, wer verrückt  ist. Drei Wochen lang war ich zwischen acht und neun Uhr morgens zum Hafen gefahren, um jedes Mal, wie in einem hoffnungslosen Boxkampf zu Boden gestreckt zu werden. Hiebe von verschieden Fäusten prasselten auf mich nieder:  Der Türsteher: "Chef ist auf die Konferenz in Mali, ja. Komm morgen, ja." (Ich weiß aber, dass er da hinter der Tür ist);  Die Sekretärinnen: "Monsieur le Directeur ist im Innenministerium, doch er kommt gleich"(Zeitverschwendung)...
Die Hauptsekretärin: „Ah Monsieur Diallo, Ihre Papiere werden beim Zoll geprüft, kommen Sie morgen wieder";  Der Zollpapierempfangsbestätiger: „Ihre Papiere sind eingetroffen und werden geprüft, kommen Sie morgen wieder". Der berüchtigtste Hieb von allen war jedoch: „Monsieur le Directeur wird gleich hier sein und sich Ihrer annehmen. Etwas Geduld nur. Warten Sie doch ein wenig, er wird gleich für Sie da sein. Er weiß schon Bescheid." Denn dieser Hieb lullt mich ein, läst mich glauben und hoffen. Er verspricht mir endlich das zu bekommen, wofür ich mich so lange gequält habe. Wofür ich mich jeden Morgen und jeden Abend durch die Armut gekämpft habe, die sich auf meinem Weg von und zur Stadt an mich klammert, wie eine Klette, mich herunterzieht, traurig und wütend zugleich macht: Straßenkinder, Blinde, Albinos, Behinderte, Slums, Autos, die man kaum noch als solche wieder erkennt, Polizistenvampire, die von Dir das übliche selbstverständliche Bakschisch saugen wollen, Mütter mit Neugeborenen, schuhputzende Kinder, höchstens sieben Jahre alt, mit Augen von siebzig Jährigen, der schwitzende Verkehrspolizist, der trillernd und fluchend versucht, den Stau zu regeln, alle mitten auf der Straße, der Straße ohne Wiederkehr. Nachdem ich nun vierzig Mal diesen Weg zurückgelegt habe, wurden die Fragen der Ohnmacht in meinem Inneren lauter: Wozu machst Du das? Wofür reibst Du Dich hier auf? Wird das hier irgendetwas ändern? Wird das alles nicht wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein sich in wirkungslosen Wasserdampf auflösen? Zwanzig Mal habe ich versucht, diese Hürden zu überwinden und jedes Mal hat mich ein anderer verborgener Fallstrick dieses undurchschaubaren Feindes der guineischen Bürokratie ins Stolpern gebracht, so dass ich nicht ins Ziel kam.  Das bedeutete jedes Mal, die Enttäuschung herunterschlucken, von Neuem an sich und an die Sache glauben, neuen Schwung holen. Bestechung war für mich unmöglich, denn dann wäre alles verraten woran  ich glaubte.  Doch plötzlich werden all diese Fragen beiseite gefegt, von der greifbaren Aussicht, endlich zum Directeur de Douane vorgelassen zu werden und den Container freizubekommen.  Und wie ein Wink des Himmels, weht ein Wind vom Land her die drohenden dicken Regenwolken zurück auf das offene Meer hinaus und die Sonne tanzt auf meinem Gesicht, wamba, wamba. Ich setze mich hin auf die trügerische Bank der Hoffnung. Es ist stickig heiß. Die nutzlosen Ventilatoren blicken träge von der Decke auf uns herab, verhöhnen uns.
Durch die Tür hindurch hören wir Gläser klirren und Gekicher, spüren förmlich das Amüsement der Unterhaltung. Neben mir, die ausdruckslosen Gesichter derer, die sich wie ich, ihre Vorfreude nicht anmerken lassen, aus Angst vor einer weiteren Enttäuschung. Ich schaue geradeaus ins Nichts, denn ich will diese Angst, die auch mich gepackt hat, nicht sehen. In meinem Innern hoffe ich als erstes vorgelassen zu werden. „Habe mich etwa bis ins Vorzimmer des mächtigen Directeur de Douane vorgekämpft, um dann als Letzter womöglich wieder auf morgen vertröstet zu werden?“ Eine dumpfe Ernüchterung mischt sich in mein Hoffnungsgefühl.  Bei jedem Papierrascheln, jedem näher kommenden Schritt hinter der Tür, schrecken wir hoch, wie Gladiatoren in den Katakomben der Arena: „Jetzt bist Du an der Reihe, um dein Überleben zu kämpfen!“. Irgendwann fange ich an, über mich selbst zu lachen. Stress und Galgenhumor. Da geht die Tür auf. Herein schreitet eine imposante, schwergewichtige Dame, die ihren dunkel violett glänzenden Boubou aus teurem, schwerem malischen Stoff zur Schau stellt. Um ihr Haar ist kunstvoll ein Tuch aus gleichem Stoff drapiert und ihre hübschen Gesichtszüge glänzen von Rouge, Schminke und Wohlstand. Madame la Hauptsekretärin. Sie genießt einige Sekunden ihren Anblick, als erwarte sie tatsächlich Beifall von den niederen Rängen vor ihr. Mit einem subtilen spöttischen Lächeln und einem ungeduldigen Wink ruft sie: „Monsieur Diallo, bitte, man wartet bereits auf Sie. Kommen Sie doch!" Alle Augen, die meisten missgünstig und neidvoll, richten sich auf mich. Ich schüttele ihre Last ab und erhebe mich wie der Heilige Christopherus mit dem Jesuskind auf den Schultern und eile ins Zimmer. Dort herrscht eine kühle Frische, ich bin auf einem anderen Planeten. In einem fetten Sessel sitzt ein noch fetterer Mann, in einem teueren Anzug (in Wirklichkeit ist er dünn, aber meine Augen sehen mit dem Herzen) und seine hängenden Wangen verzerren sich zu einem Zackenbarsch-Lächeln. Und wirklich fühle ich mich irgendwie wie der kleine Fisch, der gleich mit einem einzigen Zucken verschluckt wird. Der Zackenbarsch streckt mir seine fette Floße entgegen und meine scheint in seiner zu verschwinden. Verwundert und enttäuscht zieht er sie zurück, da er merkt, dass keine Dollars oder Euros in der seinen zurückbleiben. Ich setze mich in den Sessel gegenüber. Irre ich mich oder liegt tatsächlich der Geruch von Champagner in der Luft? „Ah Herr Diallo, schön Sie zu sehen, wie geht es Ihnen, Ihrer Familie, Ihrer Frau, Ihren Kindern, Ihrer…, bla, bla?“
Irgendwann kommen wir endlich zum Thema. Meine Akten liegen auf dem Tisch, alle geprüft, durch das Labyrinth des Zollamtes geschleust. Mein Herz klopft bis zum Hals und ich hoffe, dass nur ich es höre. Der Zackenbarsch sieht sie sich an, blättert in ihnen herum, brummt tief hier und da und sucht: er ist jetzt auf der Jagd. Er sucht die Schwachstelle in meiner Deckung aus wasserdichten Akten und Belegen. Noch tieferes Brummen. Er findet keine. Mein Herz jubelt, aber noch ist es zu früh für ein Lächeln. Noch behalte ich mein unschuldiges Pokerface bei. Er klappt die Ordner zu. „Alles ist bestens Herr Diallo. Sie können den Container morgen früh aus dem Zoll entlassen, wenn Sie beim Ministerium für Transport und Verkehr die Vignette für Containertransport mitbringen.“  Bumm, Knock out! „Vignette für Containertransport? Was zum Teufel hatte er sich da ausgedacht?“, rauscht es in meinem Schädel. Während er mir süffisant lächelnd die Papiere überreicht und sich in meinem Kopf Fragen um die eigene Achse drehen, fühle ich, wie eine Lava aus Wut, Ohnmacht und Verzweiflung in mir hochsteigt. Wieder drei Wochen, um sich zu einem weiteren Zackenbarsch durchzukämpfen?  Meine Hand will ihn am Genick packen, ihn schütteln, ihn mitreißen zu den Armen und Schwachen, den Kranken und Behinderten,  zu denen, die im ausgebluteten Guinea zu den Ärmsten zählen und ich will ihn anbrüllen: „Bist Du blind, siehst Du nicht, was um Dich herum passiert? Spürst Du nichts, hast Du kein HERZ? Menschen wie Du, sind verantwortlich für unser Elend, Du Schuft.“ Doch ich lasse mich wie betäubt herausschieben. Gehe mechanisch an der naserümpfenden Madame la Hauptsekretärin vorbei, höre ihr „Monsieur Souaré, als nächstes….“ wie aus weiter Ferne, trete ins Freie und setze einen Fuß vor den anderen. Wo sind die Sonne und der blaue Himmel? Wo die tanzenden Palmen? Kein wamba, wamba mehr. Die Wolken sind fast schwarz (obwohl es erst mittag ist), der Wind ist ein Sturm geworden und sucht heulend nach Beute. Die Menschen sind in den Häusern verschwunden. Die Wand aus Wasser hat mich nun entdeckt. Tosend rast sie auf mich zu. Allein auf der Straße, werfe ich mich ihr apathisch zum Fraß vor und werde verschlungen. Meine Kraft wird davon gespült und ich spüre eine unendliche Verzweiflung und Müdigkeit. Ich lasse los. Ich gebe auf.  Mitten im Wirbel und Tosen des stürzenden Wassers, höre plötzlich ein keuchendes Geräusch und spüre mehr, als dass ich es sehe, eine Gestalt vor mir. So nah, dass ich beinahe über sie gestürzt wäre. Ich reibe mir den Regen aus den Augen. Vor mir kriecht ein Bettler auf seinen Knien durch den bereits knöcheltiefen Schlamm. Seine Beine sind verkrüppelte Stümpfe. Die Gummis aus Autoreifen, die die im Dreck schlurfenden, sich hebenden und senkenden Knie schützen sollten, sind zum Teil schon durchgescheuert. Seine Kleider sind Fetzen von undefinierbarem Grau und lassen Teile seines abgemagerten Körpers unbedeckt. Die verfilzten Haare triefen vor Elend. Er keucht. Seine abgehärmte Brust hebt und senkt sich. Langsam hebt er den Kopf und unsere Blicke treffen sich. Wie zwei Sphinxe stehen wir gegenüber und starren uns an, kaum eine Armeslänge voneinander entfernt. Sein Blick durchzuckt mich, denn seine tiefdunklen Augen sind voller Kraft und ungebrochener Zuversicht. „Ich lebe, hörst Du, ich lebe. Sieh mich an. Willst Du etwas dazu tun“, sagen sie mir mit tiefer Stimme und ich spüre eine neue Kraft in mir fließen, eine Kraft, die es mit allen Zackenbarschen, Hauptsekretärinnen, Staus, Unwettern und alle Conakrys dieser Welt aufnehmen kann. Voller Stolz, schaue ich dem Freund hinterher, wie er im Dreck seinen Weg kriecht und im Regen verschwindet, voller Kraft und ungebrochener Zuversicht. Waren es Regentropfen oder Tränen auf meinem Gesicht, ich weiß es nicht mehr. Wamba, wamba. Feierlich beschließe ich, niemals aufzugeben und den Container aus dem Hafen Conakrys zu befreien. Ich kehre auf dem Absatz um und gehe direkt zum Zackenbarsch. Als ich drohe, jeden Tag Behinderte von der Straße mit meinem klapprigen Renault vor das Zollamt zu karren, die Presse und die Botschaften zu verständigen und vor seiner Villa eine Demonstration von Behinderten zu veranstalten, knickt er ein.  Innerhalb von wenigen Tagen wird der Container aus dem Hafen entlassen. Seit diesem Tag beschäftigt mich die folgende  Frage: Wer hilft eigentlich wem?  
Abdou Rahime Diallo